„Jede Mark zählte“ – Steinmeier mit Gastbeitrag für die ZEIT

„Jede Mark zählte“ – Steinmeier mit Gastbeitrag für die ZEIT

BERLIN 1971 hat die SPD das BAföG eingeführt und damit eine Bildungsoffensive ausgelöst, die vielen erst den Zugang zu höherer Bildung ermöglicht hatte. Auch Frank-Walter Steinmeier: Ohne Schüler-BAföG und BAföG hätte er kein Studium aufnehmen können. Und mit Studiengebühren schon gar nicht.

„Jede Mark zählte“, erinnert sich der Kanzlerkandidat der SPD in einem Gastbeitrag für die ZEIT an seine Kindheit im lippischen Brakelsiek. „Keine Armut zu Hause, aber knapp ging es zu.“ Für die meisten Kinder in seinem Jahrgang ging es nach der Schule in die Lehre – „damit der Sprössling bald Geld nach Hause bringt“. Frank-Walter Steinmeier konnte auf Anraten seines Grundschullehrers und mit Unterstützung seiner Eltern das Gymnasium besuchen und anschließend ein Studium beginnen. Das Potenzial hätten auch andere gehabt, aber: „Ich war dann der einzige, der wirklich ging“, so der Vizekanzler.

 

BAföG: 100 Prozent SPD

 

Erst das BAföG – 1971 von der ersten SPD-geführten Regierung der Bundesrepublik eingeführt – brachte die notwendige finanzielle Grundlage für Steinmeier und viele, die studieren wollten. Zuvor war ein höherer Bildungsabschluss denen vorbehalten, die ihn sich leisten konnten.  Die Folge der sozialdemokratischen Politik war eine beispiellose Bildungsexpansion: Bereits 1972 profitierten 270.000 Studentinnen und Studenten von der Ausbildungsförderung. Das waren 45 Prozent der Studierenden.

 

Nachlegen musste die rot-grüne Bundesregierung 1999, nachdem Schwarz-Gelb in den 90er Jahren das BAföG immer mehr zusammengestrichen hatte. Auch in ihrem aktuellen Regierungsprogramm bekennt sich die SPD zu einem starken BAföG:  Es geht darum, Teilzeitstudiengänge in die Förderung einzubeziehen und die Altersgrenzen für Geförderte zu überprüfen. Das Schüler-BAföG soll außerdem ausgeweitet werden.

 

„Mit Studiengebühren wäre ich nicht zur Universität gelangt“

 

„Ich weiß nicht, wie die Entscheidung bei uns zu Hause ausgefallen wäre, wenn es nicht BAföG gegeben hätte“, erinnert sich Steinmeier und ist dankbar für die Chance, die ihm den sozialen Aufstieg ermöglicht hatte – und, dass das Bezahlstudium noch kein Thema war. „Eines weiß ich bestimmt: Mit Studiengebühren wäre ich nicht zur Universität gelangt“.

 

„Angestaubt“ und „unzeitgemäß“: Was Schwarz-Gelb vom BAföG hält

 

Dagegen wollen Union und FDP das BAföG zu einem Volldarlehen umwandeln. Belege dafür sind zahlreich: Beispielsweise erklärte Bundesbildungsministerin Annette Schavan das BAföG noch als baden-württembergische Kultusministerin zum Auslaufmodell. Und auch die FDP sieht im BAföG einen „angestaubten“ und „unzeitgemäßen alten Karren“, der schleunigst durch ein Kredit- und Stipendiensystem ersetzt gehöre – so der FDP-Berichterstatter Uwe Barth in einer Bundestags-Debatte Ende 2007.

 

Mehrheit für den Ausbau von Ganztagsschulen

 

Dabei wissen die Menschen sehr genau, wo die wirklichen Herausforderungen im Bildungssystem liegen. Eine aktuelle Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung belegt: Acht von zehn Bürgerinnen und Bürgern beklagen, dass die Bildungschancen der Kinder zu stark vom Einkommen der Eltern abhingen. Umso mehr kommt es darauf an, den Bildungszugang sozial gerecht zu gestalten: Mit einer starken Ausbildungsförderung und vor allem ohne Studiengebühren! 59,9 Prozent der Befragten fordern zudem eine Umstellung des Schulsystems auf Ganztagsunterricht mit Nachmittagsbetreuung.

 

Das sind auch die Schwerpunkte sozialdemokratischer Bildungspolitik. Und Steinmeier kämpft heute auch wegen seiner eigenen Erfahrungen für bessere Bildung und Chancen für alle, „gegen Gebühren und neue Hürden. Alles andere würde ich als Verrat an meiner eigenen Biografie empfinden.“

Veröffentlicht am 24.07.2009 von Peter Martens