Schweigender Widerstand – Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung berichtet über DDR und den Fall der Mauer

Schweigender Widerstand – Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung berichtet über DDR und den Fall der Mauer

OSTHOFEN (WZ) Gleich mehrere runde Jahrestage gibt dieses Jahr in Deutschland zu begehen, Tage, an denen die Demokratie sich durchsetzte, aber auch, an denen sie empfindliche Niederlagen erhielt. Zu einem Gespräch über diese Entwicklungen, aber auch zu einem Blick in die Zukunft hatte der SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Hagemann in die Gedenkstätte KZ Osthofen eingeladen. Er hätte sicher kaum einen besseren Ort finden können. Hier, so erläuterte Hausherr Dr. Dieter Schiffmann, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, werde nicht nur Gedenkarbeit geleistet, sondern auch Menschenrechts- und Demokratieerziehung geleistet.

Hagemann hätte aber wohl auch kaum einen besseren Referenten finden können als Thomas Krüger, den Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung. Er konnte im Gedenkjahr des Mauerfalls als Zeitzeuge überaus interessant und lebendig von seinen eigenen Erfahrungen berichten. „Ich war damals 29 Jahre alt“, erinnerte sich der Pfarrerssohn und studierte Theologe. „Ich weiß, was Diktatur mit Menschen macht.“ Im Gegensatz zum Dritten Reich aber, das eine Konsensdiktatur gewesen sei, habe es in der ehemaligen DDR immer einen schweigenden Widerstand gegeben.

 

Von zu Hause aus entsprechend geprägt, erlebte Krüger seine eigene Emanzipation durch seine Begegnungen mit dem Kreis um Robert Havemann, „eine Identifikationsfigur für kritische Geister“ und stellte bei anderen Anlässen fest, dass in den Köpfen der Funktionäre noch altes Nazi-Gedankengut steckte. Mit viel Humor beschrieb er, wie er selbst eine Nacht im Palast der Justiz verbrachte, weil er ein Friedensabzeichen an der Jacke trug. Eine Reihe von Faktoren habe zum Zusammenbruch der zum Schluss immer kraftloser werdenden Diktatur beigetragen: die Charta 77, „Glasnost“ und „Perestroika“, der polnische Papst und „Solidarnocz“. Dies alles habe zur Vernetzung der oppositionellen Parteien geführt, zu den Predigten mit Untertönen in „rappelvollen“ Kirchen, zu massenweisen Ausreisen.

 

Aber, „die Straße der Mehrheit hat die Position der Bürgerrechtler überholt, die Mehrheit wollte keine Reformen aus eigener Kraft, sondern rasch die Wiedervereinigung“. Es habe auch viele Enttäuschungen gegeben. „Es war eine einmalige Situation, diese zwei Systeme aufeinander abzustimmen“, räumte Krüger ein, „dabei kann nicht alles gerecht zugehen“. Aber man hätte die Euphorie der Menschen besser in politische Handlungsoptionen umsetzen müssen. „Dieses soziale Kapital des Interesses füreinander wurde verspielt.“

 

Für Jugendliche ist der Mauerfall, obwohl er gerade 20 Jahre zurückliegt, längst Geschichte. Und manchmal ist er nicht einmal Thema im Oberstufenunterricht von Gymnasien. Das wurde in der anschließenden Diskussion im Gespräch mit drei jungen Gästen deutlich. Immerhin fand Peter Martens aus Osthofen, stellvertretender Schülersprecher im Gauß-Gymnasium, die Erzählungen vom Mauerfall „ermutigend“, weil sie zeigten, „dass man auch als Einzelperson Gewicht hat“. Er wie der 18-jährige Jochen Müller, der jüngst in den Monsheimer Gemeinderat gewählt wurde, und Sebastian Fröhlich, Mitglied des Wormser Jugendparlaments, gaben zur Hoffnung Anlass, dass die demokratische Arbeit weitergeht.

Von Ulrike Schäfer

Veröffentlicht am 29.08.2009 von Peter Martens