SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier fühlt sich in Mainz wohl und greift CDU und FDP an – Hagemann und Hartmann auf dem Gutenbergplatz im Gespräch

SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier fühlt sich in Mainz wohl und greift CDU und FDP an – Hagemann und Hartmann auf dem Gutenbergplatz im Gespräch

MAINZ/ALZEY-WORMS (AZ) Es ist quasi ein Heimspiel. Heim im Sinne von sozialdemokratischer Heimat. Immerhin macht SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier auf seiner Wahlkampftour in der Landeshauptstadt des einzigen Bundeslandes Station, in dem die SPD alleine regiert. Das ist ein Termin, bei dem Schulterklopfen angesagt ist und bei dem Ministerpräsident und Kandidat um die Wette strahlen können.

„Ich habe großen Respekt vor Dir, Du hast Rheinland-Pfalz weit, weit nach vorn gebracht“, sagt Steinmeier zu Ministerpräsident Kurt Beck; dem Mann, der selbst lange als Kanzlerkandidat gehandelt wurde, bis er im September 2008 wegen innerparteilicher Auseinandersetzungen sein Amt als Bundesvorsitzender der SPD niederlegte, um sich fortan hauptsächlich auf Rheinland-Pfalz zu konzentrieren.

 

30 Grad zeigt das Thermometer an diesem ungewöhnlich heißen Septembernachmittag, die Sonne brennt erbarmungslos auf den Mainzer Gutenbergplatz. Vor der Bühne: null Schatten. Wer hier ausharrt, so der Eindruck, muss das wirklich wollen, ist kein Zaungast, der zufällig mit seinen Einkaufstüten stehenbleibt. 1500 bis 2000 Zuschauer zählt die Mainzer Polizei – eine überschaubare Menge.

 

Eine gute Stunde lang haben die beiden rheinhessischen SPD-Bundestagsabgeordneten und Direktkandidaten Klaus Hagemann und Michael Hartmann auf der Bühne vor dem Staatstheater die Gelegenheit, Werbung in eigener Sache zu machen, kann Bildungsministerin Doris Ahnen den Einsatz der Landesregierung für beitragsfreie Kindertagesstätten, Ganztagsschulen und die Einführung der Realschule plus loben. Der Auftritt Steinmeiers verzögert sich um knapp 20 Minuten, das „Vorprogramm“ zeigt gefährliche Längen.

 

Aufbruch für die Bildung

 

Doch als sich gegen 17.40 Uhr der Kanzlerkandidat und Außenminister, begleitet von rhythmischer aber dezenter Musik, gemeinsam mit Kurt Beck seinen Weg durch die Menge zur Bühne bahnt, ist das in der Hitze langsam ermüdete Publikum wieder hellwach.

 

„Wir haben bewiesen, dass unter sozialdemokratischer Führung der Deutschlandplan von Frank-Walter Steinmeier in der Realität eines Landes umsetzbar ist“, sagt der Ministerpräsident stolz, verweist vor allem auf das Engagement für Familien und Bildung.

 

Frank-Walter Steinmeier fühlt sich sichtlich wohl, ist gelöster, weniger staatsmännisch, als noch wenige Stunden zuvor in Berlin bei der Generaldebatte im Bundestag. Er trägt zwar noch dieselbe Krawatte, aber das Sakko zieht er aus, die Ärmel des weißen Hemdes sind hochgekrempelt, er lehnt lässig am Rednerpult, oft mit einer Hand in der Hosentasche. Und auch er sucht den Einstieg über die Bildungspolitik in Rheinland-Pfalz – die von vielen Fachleuten immerhin als vorbildlich bezeichnet wird, beim Ausbau von Ganztagsschulen und der Beitragsfreiheit von Kitas gilt das Land als Vorreiter. „Das ist Politik für die Zukunft, davon brauchen wir mehr für Berlin“, sagt Steinmeier und spannt so den Bogen elegant zu seinem Wahlkampf, in dem auch er einen „neuen Bildungsaufbruch“ fordert.

 

Der 30. August, jener Wahlsonntag in Thüringen, Sachsen, dem Saarland und in Nordrhein-Westfalen, hat der SPD und auch dem Kanzlerkandidaten Rückenwind gegeben, das ist spürbar in Mainz. Steinmeier spricht von „krachenden Verlusten für die CDU“, von Meinungsforschern, die versuchten, „unsere Moral zu brechen“. „Was für ein Irrtum, liebe Leute, Schwarz-Gelb ist in diesem Lande nicht gewollt, das ist die Botschaft“, poltert der 53-Jährige mit leicht heiserer Stimme und in einem Tonfall, der dem von Ex-Kanzler Gerhard Schröder schon sehr, sehr ähnlich ist.

 

Ein Fragespiel

 

„Wer hat deutlich Nein gesagt, als US-Präsident Bush Krieg gegen den Irak wollte? Wer hat die Antwort auf den Weg aus der Krise? Wer hat dafür gesorgt, dass es ein anständiges Konjunkturprogramm gibt? Wer hat sich um Opel gekümmert?“ Steinmeier hält das Fragespiel, bei dem die Antwort „die SPD“ immer richtig ist, eine ganze Zeit lang durch, erklärt knapp, verständlich, führt die CDU und noch lieber die FDP vor. Das gefällt den Zuhörern. Seinen größten Lacher erzielt er mit dem einfachsten, aber wirkungsvollen Gag: „Was fällt Ihnen an Vorschlägen der CDU zu diesen Themen ein?“ Schweigen im Publikum. „Viel mehr fällt mir auch nicht ein“, sagt er und grinst.

 

„Atomausstieg bleibt“

 

Von Steinmeier gibt es klare Aussagen. Zur Nutzung von Kernenergie: „Es bleibt beim Atomausstieg. Das verspreche ich.“ Zur Bildungspolitik: „Weg mit den Gebühren von der Kita bis zur Uni.“ Nur zu Afghanistan, dem von der Bundeswehr angeforderten Luftangriff, dem möglicherweise viele Zivilisten zum Opfer fielen, sagt Steinmeier an diesem Nachmittag nichts.

 

Mindestlohn, Mitbestimmungsrecht, Kampf gegen Arbeitslosigkeit, Bildung und Aufstiegschancen für alle – bei den ureigensten Themen der Sozialdemokratie ist der Sohn eines Tischlers und einer Fabrikarbeiterin aus dem ostwestfälischen Brakelsiek am überzeugendsten – ohne sozialkitschig zu wirken. Da gibt er alles und da zeigt er mit Nachdruck die Unterschiede auf zu CDU und FDP, denen er unterstellt, die jetzige Krise doch nur als einen „Betriebsunfall des Kapitalismus“ wahrzunehmen und denen er bescheinigt, ein „lausiges Theaterstück“ aufzuführen.

 

Eine halbe Stunde lang legt sich Steinmeier ins Zeug; so lange, bis die Sonne hinter den Geschäftshäusern am Gutenbergplatz verschwindet. Und er redet den Zuhörern noch einmal ins Gewissen, am 27. September „erstens zur Wahl zu gehen und zweitens SPD zu wählen“. „Dafür brauche ich Sie“, sagt er mehrmals an diesem späten Nachmittag, bei dem er sich kämpferisch zeigt.

 

Alexandra Eisen

Veröffentlicht am 09.09.2009 von Peter Martens