Die SPD liegt Spitzenkandidat Kurt Beck zu Füßen – Dietmar Brück, Rhein-Zeitung

Die SPD liegt Spitzenkandidat Kurt Beck zu Füßen – Dietmar Brück, Rhein-Zeitung

Sämtliche Delegierte in der Mainzer Phönixhalle stehen auf, um den Mann mit dem weißen Hemd und der roten Krawatte zu feiern. Kurt Beck grinst, winkt den Mitgliedern des SPD-Parteitags zu. Es ist eine seiner ganz großen Stunden. Zum vierten Mal wurde er gerade eben zum Spitzenkandidaten für eine rheinland-pfälzische Landtagswahl gekürt. Und das mit einem Traumergebnis: 99,75 Prozent der Delegierten schenken ihrer Nummer eins das Vertrauen.

Kurt Beck ist mit 61 Jahren wieder da. Vergessen die Zeit, als er 2008 gedemütigt den SPD-Bundesvorsitz hinwarf und sich zum Wunden lecken nach Rheinland-Pfalz zurückzog. Beck hat Zuversicht getankt. Auf dem SPD-Parteitag schafft er es, die Delegierten mit einer anderthalbstündigen Rede mitzureißen. In Anlehnung an die SPD-Legende Herbert Wehner sagt er am Schluss: „Ich würde den Karren gerne weiter ziehen, wenn der Karren es will.“ Fast fünf Minuten Applaus sind die Antwort.

 

„Mir hat meine Rede selbst Freude gemacht“, meint er nachher. Beck fühlt sich von seiner Partei getragen. Und ergänzt: „Wenn ich erneut zum Ministerpräsidenten gewählt werde, will ich fünf Jahre im Amt bleiben.“

 

Vor den rund 400 Delegierten gibt Beck sich kämpferisch. Nicht nur, dass er seinen unter Druck stehenden Justizminister Heinz Georg Bamberger in Schutz nimmt. Der SPD-Chef knöpft sich, wie erwartet, die CDU-Opposition vor. „Bei uns gibt es keine Nebenkönige, die in der Eifel sitzen und die in der Partei bestimmen, was passiert“, erklärt er in Anspielung auf den CDU-Rebellen Michael Billen.

 

Die Versöhnung von Billen und der rheinland-pfälzischen CDU-Parteichefin Julia Klöckner kommentiert Beck so: „Da hat jemand der CDU schwer geschadet und wird gefragt, ob er sich entschuldigt. Das tut er nicht und dann heißt es bei der CDU: Gut, dann ist die Sache erledigt.“ Im Saal bricht Gelächter aus.

 

Auch in der Integrationspolitik greift Beck die rheinland-pfälzische CDU-Spitze scharf an: „Sie nimmt zu Migranten grundsätzlich eine negative Haltung ein.“ Beck weiter: „Dabei haben wir mit nur ganz wenigen Probleme. Für die anderen gilt: Wir brauchen Euch. Ihr seid herzlich willkommen.“ Das Postulat von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), „Multikulti ist tot“, kontert der rheinland-pfälzische SPD-Chef mit Humor. Er erinnert an eine Szene nach dem 4:0-Sieg Deutschlands gegen Argentinien im WM-Viertelfinale.

 

Merkel war damals zu den deutschen Spielern in die Umkleidekabine gestürmt, um ihnen zu gratulieren. „Wenn sie da gesagt hätte, Multi-Kulti ist gescheitert, dann hätte ich Respekt vor ihr“, lästert Beck.

 

Ihn als „König Kurt“ zu diffamieren, der sich in Bad Bergzabern ein Schloss baut und am Nürburgring ein Denkmal setzt, nennt der rheinland-pfälzische SPD-Chef „abgedroschen“. Beck weiter amüsiert: „Da hat mir der alte Oppositionsslogan besser gefallen: Er geht segnend über die Weinberge.“

 

Für seine Regierungspolitik zieht der Ministerpräsident erwartungsgemäß eine positive Bilanz: „Wenn ich auf etwas stolz bin, dann darauf, dass bei uns Kindergartenplätze beitragsfrei sind, dass wir eine Schulreform ohne große Proteste umgesetzt haben, dass bei uns jeder, der genug Talent hat, studieren kann, und nicht das Portemonnaie entscheidet.“ Tosender Applaus auch bei Becks harter Attacke gegen den schwarz-gelben Ausstieg aus dem Atomausstieg: „Hier wird in einer Nacht- und Nebelaktion über die Zukunft der Energieversorgung unseres Landes entschieden.“

 

Bei der anschließenden Wahl zur Landesliste schneidet nach Beck SPD-Sozialministerin Malu Dreyer mit 375 Ja- und 3 Nein-Stimmen am besten ab. SPD-Generalsekretärin Heike Raab hingegen erwischt einen rabenschwarzen Tag. Mit nur 304 Ja-Stimmen und 58 Nein-Voten erzielt sie das schlechteste Ergebnis unter den ersten 51 Bewerbern auf einen Listenplatz.

Veröffentlicht am 08.11.2010 von Peter Martens