„Der Druck führt uns in den Abgrund“ – Polit-Aussteiger Ulrich Kasparik stellt in Osthofen sein Buch „Notbremse“ vor / Kritik an der Leistungsgesellschaft

„Der Druck führt uns in den Abgrund“ – Polit-Aussteiger Ulrich Kasparik stellt in Osthofen sein Buch „Notbremse“ vor / Kritik an der Leistungsgesellschaft

(Claudia Wößner, WZ) Sein Alltag ist durchgetaktet, gepresst in einen Viertelstundenrhythmus. Noch ein Interview, noch eine Akte, noch eine Sitzung. Das Tempo immer schneller, der Terminkalender immer voller, das Umfeld immer verrückter. Ulrich Kasparick, zwei Wahlperioden lang Parlamentarischer Staatssekretär in Berlin, will raus aus diesem starren Korsett, das sich sein Leben nennt. Er zieht sich aus der Politik zurück, kandidiert nicht mehr für die Bundestagswahl 2009.

„Da ist die Notbremse – da liegt sie vor mir“, sagt Kasparick jetzt, er zeigt auf sein Buch mit dem Titel „Notbremse – Ein Politikjunkie entdeckt die Stille“. Der Politikaussteiger im Sabbatjahr sieht erholt aus, als er in der Aula der Wonnegauschule sein Buch vorstellt. Er ist gut aufgelegt, für jeden Plausch zu haben. „Seitdem ich aufgehört habe, werde ich immer fröhlicher“, beschreibt Kasparick seine gegenwärtige innerliche Verfassung. Mittlerweile liest der Autor auch selbst wieder Bücher. Früher habe er jahrelang nur Akten gelesen, sagt er selbst.

 

Mit dem Ex-Staatssekretär im Raum sind bekannte SPD-Köpfe aus der Region. Der langgediente Bundestagsabgeordnete Klaus Hagemann ist einer von ihnen, aber auch der Osthofener SPD-Chef Alexander Ebert und Uwe Franz, der aufstrebende Genosse aus Worms. Womöglich finden sie sich ein Stück weit wieder, in diesem Fremdbestimmtsein, das Kasparick in seiner „Notbremse“ schildert.

 

Wahrscheinlich fühlen sich viele Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen angesprochen. Der Manager und die Hausfrau genauso wie der Chefarzt und der Student, die sich allesamt irgendwo in den übertriebenen Anforderungen der Leistungsgesellschaft verloren haben. Deshalb ist die „Notbremse“ nicht nur ein Buch über Politik.

 

Es geht um den „Wahnsinnsdruck“, wie Kasparick es nennt, den viele Tag für Tag verspüren und der sie langsam aber sicher krank macht. Was der Politiker im Ruhestand niedergeschrieben hat, sind Bekenntnisse eines Getriebenen, tagebuchartig verfasst, mit aller gebotenen Ehrlichkeit, die das heikle Thema verlangt.

 

Ebert führt mit Kasparick eine Art Kamingespräch über seine Erfahrungen. Der Aussteiger spricht über UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld, der als erste Amtshandlung am Sitz der Vereinten Nationen einen Meditationsraum einrichten ließ. Kasparick philosophiert über den Sinn des Lebens, er räumt ein, wie schwierig es ist, loszulassen. Dass dieses berühmt-berüchtigte Loch kommt, und dass er dann nach dem gesucht hat, was am „Boden dieses Lochs“ wohl sein mag.

 

„Geheilt“, glaubt Kasparick, sei er nicht. Er vergleicht sich selbst und all die anderen, die einst dem Workaholic-Dasein anheim gefallen sind und nach Umwegen wieder zur inneren Balance gefunden haben, mit trockenen Alkoholikern. Einmal anfällig, immer anfällig für die Droge namens Öffentlichkeit.

 

Politisch wird Kasparick bei seiner Lesung nur selten. Doch der Mann, der sich aus der Politik verabschiedet hat, weil es ihm irgendwann einfach gereicht hat, hat dann noch eine Botschaft an seine Ex-Kollegen, eigentlich an die gesamte Gesellschaft: „Es führt uns in den Abgrund“, sagt Kasparick und bezieht sich damit auf den „Wahnsinn der Leistungsgesellschaft“.

Veröffentlicht am 16.12.2010 von Peter Martens